Roosh V, ‚Pick-Up Artists‘ und Gewalt gegen Frauen*

Zum 6. Februar 2016 hatte Daryush Valizadeh, der sich selbst als Roosh V bezeichnet, in 43 Ländern in 106 Städten zu Treffen für heterosexuelle Männer[1] aufgerufen. Ziel dieser ‚men’s only happy hour‘ sollte es sein, dass sich regelmäßige Vernetzungstreffen für ‚gleichgesinnte‘ Männer etablieren.

Daryush Valizadehs Anhänger feiern die von diesem ‚entwickelten‘ Strategien, um Frauen* zum Sex zu bewegen – dazu gehört der gezielte Einsatz von Alkohol und/oder psychischer wie körperlicher Gewalt. Auch in Österreich, nämlich in Graz und Wien, waren Treffen dieser potenziell gefährlichen Männer angekündigt worden. Treffpunkt in Wien war um 20 Uhr bei den Treppen vor dem MUMOK im Museumsquartier. Mit Hilfe der Frage „Do you know, where the next pet shop is?“ und der Antwort „Yes, it’s right here“ hätten sich die Männer untereinander erkennen sollen, um dann gemeinsam zu einem nicht bekannten Veranstaltungsort weiterzugehen, wo ‚Männer Männer sein können‘.

Frauen*feindlichkeit, Rassismus und Homofeindlichkeit

Daryush Valizadeh spricht sich für die Legalisierung von Vergewaltigungen auf privatem Grund aus und erklärt Konsens und Zustimmung von Frauen* zu sexuellen Handlungen für nichtig beziehungsweise unnötig. Seine ‚Reiseführer‘[2], in denen es von rassistischen stereotypen Beschreibungen der Frauen* der jeweiligen Länder nur so wimmelt, zeigen anschaulich, wie Sexismus und Rassismus sich ineinander verschränken. Er vertritt traditionelle Geschlechterrollenbilder und ist gegen eine selbstbestimmte Sexualität von Frauen*. Valizadeh ist darüber hinaus der Ansicht, dass Frauen* und Männer* ‚von Natur aus‘ verschieden seien – sowohl körperlich als auch psychisch – und dass sich der Wert von Frauen* auf ihr Äußeres und ihre Gebärfähigkeit reduziere. Ein kurzer Blick auf seinen Blog ‚Return of the Kings’[3] genügt, um festzustellen, dass er nicht nur unglaublich sexistisch ist, sondern auch homofeindlich, transfeindlich, rassistisch – insbesondere bezogen auf antimuslimischen Rassismus – und antisemitisch. Er vertritt diverse Verschwörungstheorien, unter anderem Theorien, denen zufolge der Feminismus Männlichkeit auslöschen wolle. Darüber hinaus konstruiert er ein angebliches Untergangsszenario der USA aufgrund von ‚Massenmigration‘.

Neomaskulinisten, ‚Männerrechtler‘ und ‚Pick-Up Artists‘

Männer wie Valizadeh sind kein Einzelfall. In der sogenannten ‚Pick-Up Community‘ gibt es zahlreiche Männer, die ihm nicht nur folgen, sondern auch seine höchst problematischen Einstellungen und Ansichten weiter verbreiten. In Schulen, an Unis und im Alltag sind Begriffe aus der Pick-Up-Szene wie ‚Friendzone‘, ‚Alpha‘ und ‚Betamann‘ usw. längst angekommen. Dass Frauen*, so emanzipiert sie auch sein mögen, in Wirklichkeit heimlich auf dominante ‚Arschlöcher‘ stehen und nicht auf den ‚Softie‘, ist zum Grundtenor geworden. Dies bedeutet natürlich auch, dass ein ‚Nein‘ nicht mehr zählt und nur als ein ‚Kokettieren‘ und ‚sich Zieren‘ wahrgenommen wird, das es zu brechen gilt. Bei Valizadehs Gefolgschaft handelt es sich nicht um eine vom Mainstream isolierte, kleine Gruppe von Männern, die auf Frauen* ‚Jagd‘ macht, sondern um eine wachsende globale Bewegung mit großem Missionierungseifer und Anschlussfähigkeit in vielen sozialen Milieus.

Über ‚solidarische‘ Männer und plötzliche ‚Feministen‘

Nachdem die Information über die von Roosh V geplanten Treffen in feministische und linke Kreise gesickert war, wurde ein Treffen organisiert – mit der Motivation, die angekündigten ‚Meet-ups‘ nicht unkommentiert stattfinden zu lassen und sie zukünftig zu verunmöglichen. Zu dem ersten Treffen kamen dreißig Frauen* und Männer* aus den unterschiedlichsten politischen Kontexten zusammen, um gemeinsam zu diskutieren, wie am besten vorzugehen sei. Am Ende des Abends wurde beschlossen, eine Kundgebung beim Markus-Omofuma-Denkmal vor dem Museumsquartier zu organisieren, wo die Treffen der ‚Pick-Up Artists‘ stattfinden sollten. Bereits im Vorfeld der Kundgebung kursierten Gerüchte, dass diverse männerdominierte Gruppen planten, ebenfalls zur Kundgebung zu kommen – unter anderem Hooligans und Vertreter der sogenannten Bürgerwehr[4]. Tatsächlich tauchten bei der Kundgebung ungefähr dreißig Männer auf (welche sich später als Faschisten herausstellten), die nach eigener Angabe gekommen waren, „um Vergewaltiger zu schlagen“. Mit dem gleichen Ziel kam auch eine Gruppe österreichisch-nationalistischer Biker zur Kundgebung.

Gegen Gewalt, immer und überall!

Schlussendlich wurde innerhalb von drei Tagen eine Kundgebung auf die Beine gestellt, bei der es dem Organisationsteam allerdings weniger um Roosh V und seine Anhängerschaft selbst ging. Die von diesen geplanten Treffen waren letztlich nichts mehr als der Anlass für eine Kundgebung gegen Gewalt gegen Frauen* und rape culture. Die Kundgebung sollte ein Medium sein, um über alltägliche, strukturelle Gewalt gegen Frauen* zu sprechen. Vor allem aber sollte gezeigt werden, dass es nicht ausreicht, nur Sexismen und sexualisierte Gewalt gegen Frauen* zu thematisieren, sondern dass Sexismus nicht ohne andere in unserer Gesellschaft vorhandene Machtverhältnisse verhandelt werden kann. Es ist wichtig, (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen* im privaten Raum genauso zu benennen wie Gewalt in öffentlichen und halböffentlichen Räumen (wie Clubs, Bars, Cafés, Bibliotheken, Vereinen …) und Gewalt am Ausbildungsort und Arbeitsplatz. Gleichzeitig geht es nicht nur um Sexismus, sondern auch um Rassismus, Klasse, Homophobie und Transphobie. Sexismus tritt nicht isoliert auf. Der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen* macht nur dann Sinn, wenn er auch gegen Rassismus, Homophobie, Transphobie und andere Unterdrückungsverhältnisse geführt wird. Kommt es zu einer Grenzüberschreitung oder einem Übergriff gegenüber einer Frau*, so kann dieser sich beispielsweise nicht nur auf deren angenommene Geschlechtsidentität beziehen, sondern auch auf ihre – wiederum angenommene – sexuelle Orientierung. In diesem spezifischen Beispiel greifen also gleichzeitig sowohl sexistische als auch homophobe Unterdrückungsverhältnisse, welche sich wechselseitig verstärken oder gegebenenfalls auch abschwächen können.

Gewalt findet in allen gesellschaftlichen Sphären statt. Wir alle sind potenziell betroffen und wir alle sind dafür verantwortlich, Gewalt zu benennen und einzuschreiten, wenn wir problematische Situationen mitbekommen – beim Diskobesuch, auf der Straße, in den Öffis, im Bekannten- und Freund*innenkreis, in Familien, am Arbeits- und Ausbildungsplatz, in der Schule, an der Uni, im Sport- und Musikverein, auf Partys, im Park, unter Fremden und unter Langzeitpartner*innen. Deswegen sind die Leute am 6. Februar auf die Straße gegangen: Um Männern wie Daryush Valizadeh und seiner Gefolgschaft zu zeigen, dass ihre menschenverachtenden Ansichten hier nichts zu suchen haben und dass derartige gefährliche Vorstellungen von Männlichkeit nicht auf Zuspruch stoßen. Nicht in Wien und auch sonst nirgendwo.

Anmerkungen:
[1] Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass ausschließlich cis-Männer eingeladen waren.
[2] Diese ‚Reiseführer‘ sind sowohl in gedruckter als auch in digitaler Form zu erstehen. Mit bezeichnenden Titeln wie Bang Ukraine, Bang Estonia, oder Don’t Bang Denmark teilt er dort seine frauen*verachtende ‚Analyse‘ der jeweiligen Kultur, insbesondere der imaginierten einheitlichen Wesensart der dort lebenden Frauen* mit – beispielsweise wie sie aussehen, wie man sich ihnen am besten ‚nähert‘ oder wie leicht/schwer es ist, einen One-Night-Stand zu haben.
[3] http://www.returnofkings.com/
[4] Nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln haben sich zunehmend ‚besorgte‘ Bürger zusammengefunden, die in Anbetracht der vermuteten omnipräsenten Bedrohlichkeit, die von Geflüchteten ausgeht, um die Sicherheit ‚ihrer‘ Frauen* fürchten. In weiterer Folge haben sich in diversen Städten in Deutschland und auch in Österreich selbstorganisierte Gruppen gebildet, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nachts durch die Straßen zu patrouillieren, um Frauen* zu ‚beschützen‘ oder auf Wunsch nach Hause zu begleiten. Diese bedenklichen Gruppen nennen sich selbst – bezeichnenderweise – ‚Bürgerwehren‘.