Was bedeutet Arbeit?

***Gastbeitrag***

Arbeit ist zentral in einer Gesellschaft, die sich über Arbeit definiert. Die meisten Menschen verbringen den Großteil ihres Tages bei der Lohnarbeit. Welcher Lohnarbeit ich nachgehe kann etwas über meine Interessen, Ideale und Werte aussagen. Arbeiten heißt ja schließlich die Welt, wie sie mir begegnet be-arbeiten, verändern, in eine Richtung bewegen – oder in eine andere.

Das Wort „Arbeit“ stammt aus dem Althochdeutschen arabeit und bedeutete soviel wie „Mühsal“, „Not“ oder „Bedrängnis“[1]. Vielleicht trägt der Begriff bis heute eine negative Konnotation mit sich, aber spannend wird‘s, wenn wir dessen produktive Dimension miteinbeziehen.

Weil Arbeit eine zentrale Stellung in unserer Kultur einnimmt, stellt sie in Vergangenheit und Gegenwart auch einen Austragungsort verschiedener politischer Kämpfe dar, z.B. im gewerkschaftlichen Arbeitskampf, im Marxismus oder im feministischen Materialismus.

Wenn ich als Individuum an einem Projekt arbeite, kann es motivierend sein den Arbeitsbegriff zu erweitern, um die verschiedenen Handlungsebenen sichtbar zu machen, über die ich wirksam sein kann (denn höchstwahrscheinlich werden die meisten davon nicht als Arbeit bezeichnet, obwohl sie Arbeit sind). Der Autor* geht in diesem Text von seinen eigenen (politischen) Projekten aus, dieser Text richtet sich allerdings an alle, die einen reflektierten, emanzipatorischen Lebensweg jenseits von Normen und Zwängen auskundschaften.

Arbeit ist nicht gleich Arbeit.

Deswegen ist eine Differenzierung des Begriffs notwendig. Zunächst einmal ist die Unterscheidung zwischen Lohnarbeit und autonomer (selbständiger, ehrenamtlicher, Subsistenz-) Arbeit notwendig. Lohnarbeit ist nämlich immer mit Zwang verbunden, mal mehr und mal weniger restriktiv. Manchmal ist sie entwürdigend, manchmal mit hohem Prestige verbunden. Eine Tätigkeit, für die ich entlohnt werde und die formal der Lohnarbeit zuzuordnen ist, kann je nachdem wie sehr ich materiell und existenziell von ihr abhänge einen unterschiedlich großen Zwang auf mich ausüben.

Doch auch nichtentlohnte, scheinbar autonome Arbeit kann mit Zwang verbunden sein, wie es im Falle der Haus- und Care-Arbeit der Fall ist, wenn sie unsichtbaren sozialen Machtstrukturen unterliegt. Hier werden Tätigkeiten vollbracht, die einem bestimmten Geschlecht zugeordnet, als selbstverständlich erachtet (Wäschewaschen, Altenpflege, Kindererziehung), und nicht als Arbeit im betriebswirtschaftlichen Sinn anerkannt werden. Feminist*innen haben den blinden Fleck der Reproduktionsarbeit entdeckt und kritisiert.

Arbeit kann auch anders aussehen. Wenn sie frei von Zwang und Herrschaft ist, kann sie sinnstiftend und kreatives Ausdrucksmittel sein. Hier wird nicht immer von Arbeit gesprochen, wir kategorisieren solche Tätigkeiten auch als Ehrenamt, Kunst, Sport, Meditation, Hobby, Leidenschaft usw.

Arbeit ist vielschichtig und uneindeutig.

Wichtig ist eine Ausdifferenzierung der Begriffe. Der Begriff „Arbeit“ alleine lässt viel Interpretationsspielraum übrig und wird oftmals nur innerhalb normativer und patriarchaler Konzepte gedacht („male breadwinner model“[2]), also genau diejenigen Konzepte, die wir aufbrechen wollen.
Lohnarbeit, Zwangsarbeit, Care-Arbeit, aktivistische Arbeit, ehrenamtliche Arbeit, kreative Arbeit, Körperarbeit können Versuche sein mehr Klarheit zu schaffen und auch ein politisches Statement zu machen. Hierzu einige Beispiele:

Wenn ich mit dem Rad zur Uni fahre, ist das körperliche Arbeit – eine bewusste Entscheidung gegen den Verbrennungsmotor und den damit verbundenen Komfort – für eine klimagerechte Zukunft. Ich verzichte bewusst auf bestehende Mobilitätsangebote und investiere meine Ressourcen in eine Alternative. Das ist mehr als „nur Radfahren“. Das ist ein politischer Ausdruck.

Wenn ich Flyer für eine Kundgebung verteile, ist das aktivistische Arbeit, eine bewusste Investition meiner Ressourcen, unabhängig davon, ob sie entlohnt wird oder nicht.

Wenn ich eine Freund*in besuche, weil sie Hilfe braucht, ist das ein selbstverständliches Zeichen von Freundschaft, aber auch ein Ausdruck meiner Vorstellung von „wie soll die Gesellschaft sein?“, in diesem Beispiel: solidarisch (statt entfremdet oder kommodifiziert). Dass diese Form von Hilfe nicht entlohnt wird, versteht sich von selbst. Dennoch investiere ich hier bewusst meine Ressourcen auf produktive Weise. Ist das nicht auch Arbeit?

Viele von uns kommen nicht umhin einer Lohnarbeit nachzugehen. Das kann sogar wünschenswert sein. Es ist aber hilfreich sich bewusst zu machen, wo die Grenzen zwischen Lohnabhängigkeit und Autonomie liegen. Alle anderen Handlungsebenen können kritisch analysiert und mit Bewusstsein gelebt werden.

Keine Emanzipation ohne Theorie

Ein emanzipierter Arbeitsbegriff braucht eine kritische gesellschaftliche Debatte. Impulse wie das Bedingungslose Grundeinkommen können Alternativen aufzeigen, sie müssen aber mit feministischen und wirtschaftskritischen Theorien untermauert werden, um soziale und ökologische Ausbeutungsverhältnisse aufzudecken und aus der Sackgasse des Wachstumsparadigmas[3] herausfinden.
Aus feministischer Sicht muss Arbeit neu verteilt werden, denn sie ist in archaischen Rollenbildern erstarrt. Aus ökologischer Sicht muss Arbeit als Wert grundlegend in Frage gestellt werden, denn wir sind volkswirtschaftlich überproduktiv, kulturell fantasielos und rennen blind von einer Krise in die nächste.[4]

Quellen und weiterführende Informationen
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_(Betriebswirtschaftslehre)#Begriffsherkunft

[2] http://cw.routledge.com/ref/socialpolicy/male.html

[3] https://www.degrowth.info/de/2016/10/wirtschaftswachstum-steht-einem-guten-leben-fuer- alle-entgegen/

[4] Meinung des Autors*