Recherchereihe zu Geschlechterbildern & Antifeminismus von Rechts: Politischer Fundamentalismus in Österreich am Beispiel der „Freiheitlichen Partei Österreichs“ und der „Identitären Bewegung“

***Gastbeitrag***

Der dritte Teil unserer Recherchereihe zu Geschlechterbildern & Antifeminismus von Rechts befasst sich mit politischem Fundamentalismus in Österreich am Beispiel der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und der Identitären Bewegung (IB).
In rechtsextremen und/oder rechtspopulistischen Strömungen finden sich einige Ansätze, die sich auch in religiösen Gruppierungen finden, oft nur unter anderen Begrifflichkeiten. So geht es etwa auch im Rechtsextremismus um eine Sinngebung durch ein gemeinsames Ziel und eine Erlösung von den aktuellen Zuständen. Statt mit belegbaren Inhalten wird vielmehr über emotionalisierte Rituale gearbeitet (vgl. Prokop 2007: 177-184). Gerade in politischen Parteien und Bewegungen werden fundamentalistische Denkansätze dabei oft nicht direkt in jener deutlichen Verbissenheit und Kompromisslosigkeit geäußert wie in informelleren Gruppierungen. „Der Fundamentalismus im Europa des 21. Jahrhunderts äußert sich nicht in relevanten Bewegungen und Parteien, die geschlossene Botschaften, die militante Gewissheiten verbreiten. Der Fundamentalismus findet sich heute in Form von Versatzstücken in rechtspopulistischen Parteien, die sich des Vehikels nationaler, oft religiös verbrämter Vorurteile bedienen.“ (Pelinka, 2011: 134) Bei näherer Betrachtung finden sich aber auch in den Strukturen und Argumentationslinien rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien eindeutige fundamentalistische Züge. In der allgemeinen Strukturierung rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien und Bewegungen lassen sich Parallelen zu denen in fundamentalistischen Strömungen zeichnen. Neben der bereits erwähnten Konzentration auf Emotionalisierung und Ritualisierung, sind sie sich auch ähnlich in dem, wie Gemeinschaft erzeugt wird. Im religiösen wie im politischen Fundamentalismus ist die Konstruktion der eigenen Gemeinschaft und die Abgrenzung zu „den Anderen“ zentrales Element. Neben dem „Wir“, also all jenen, die der (teilweise konstruierten) Gemeinschaft zugerechnet werden, und „Nicht Wir“, also jenen, die außerhalb dieser stehen, wird auch meist noch ein „Die“ konstruiert, mit dem etwa Politik und Wissenschaft gemeint sind. Gerade bei parlamentarischen rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien wie etwa der FPÖ kann das „Wir“ noch differenziert werden in das eigentliche „Wir“ der Partei und ein „Nicht Die (Anderen)“, unter das jene angeblichen Durchschnittsbürger*innen fallen, an die sich die Partei wendet. (vgl. Ajanovic 2014: 251-252)

Neben den strukturellen Gemeinsamkeiten von religiösen und politisch fundamentalistischen Gruppierungen, zeigen sich auch in der konkreten Positionierung zu gesellschaftlichen Themen fundamentalistische Züge, wie ich im folgenden am Beispiel der Äußerungen zu den Themen Gender („Genderismus“, „Genderwahn“) und Feminismus durch die FPÖ und die IB zeigen möchte, die beide aktuell in der Öffentlichkeit präsente Akteur*innen der extremen Rechten in Österreich sind.

Die FPÖ war in den 1990er Jahren eine der ersten Partei in Europa, die einen auf Rassismus und Patriotismus beruhenden Populismus aufbaute. Unter Jörg Haider wurde sie neben der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) und der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) eine der stärksten Parteien. Nach der Abspaltung des Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) mit Jörg Haider an dessen Spitze übernahm Heinz Christian Strache den Vorsitz der FPÖ und stärkte weiter die bereits eingeschlagene Richtung (vgl. Ajanovic 2014: 253-254). „Freiheit, Sicherheit, Frieden und Wohlergehen für Österreich und seine Bevölkerung“ stehen laut Parteiprogramm im Zentrum der Arbeit der FPÖ, wobei Österreich „als Teil der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft“ verstanden wird. In dieser Art des Bezugs auf Österreich als Heimatland ist bereits eine deutliche Abgrenzung zu anderen „Kulturen“ enthalten. Konkret thematisiert wird die gesellschaftliche Gleichstellung von Männern und Frauen vor allem in Bezug auf Chancengleichheit und gleiche Gehälter im Kapitel „Familie und Generationen“. Konkrete Maßnahmen zur Erreichung dieser werden nicht vorgeschlagen, aktuelle Maßnahmen wie Gender Mainstreaming oder Quotenregelungen werden abgelehnt. [1]

Sexistische und rassistische Kampagne des RFJ Steiermark

Im Gegensatz zur FPÖ ist die Identitäre Bewegung ein weit informellerer Zusammenschluss. Angelehnt an den in Frankreich aktiven Bloc Identitaire basiert die politische Linie der IB auf einer gesamteuropäischen Identität, wobei aber die Europäische Union abgelehnt wird. Die IB arbeitet mit starker Onlinepräsenz, steht aber auch durch ihren direkten Aktivismus immer wieder in der Öffentlichkeit. (vgl. Ajanovic 2014: 254). Auch auf der Homepage werben sie um aktive Mitglieder. In die Medienöffentlichkeit gelangten sie in Österreich im Februar 2013, als sie aktiv die Proteste von Geflüchteten störten. [2] Danach folgten diverse andere rassistische Aktionen, die sich gegen die „Islamisierung Europas“ richteten. Sowohl bei Kundgebungen als auch in der Onlinepräsenz tritt bei der IB Österreich vor allem Martin Sellner in den Vordergrund (vgl. Bruns 2014: 77-84).
Die einzige über ihre Homepage gestellte Forderung ist „der Erhalt der ethnokulturellen Identität“. Dabei bekennen sich die Identitären zu einer Vielfalt der Kulturen, die nur durch die Verhinderung der Durchmischung erhalten werden könne. Hier werden für völkische Ideen einfach neue Begriffe verwendet. Gender wird hier nicht zum Thema. Zwar werden von der IB nicht gezielt nur Männer angesprochen, auf Fotos auf der Homepage sind dennoch kaum Frauen zu sehen, obwohl sie beispielsweise auf Demonstrationen bewusst in den ersten Reihen positioniert werden. Sie dienen als Aushängeschilder, zeigen ihr Gesicht in den Videos und auf Plakaten. [3] In Texten und Darstellungen außerhalb der Homepage wird deutlich, dass trotz der Umdeutung der Biologie zur Kultur die Argumentationslinie biologistisch bleibt. Der Frau wird der Platz im Haushalt zugewiesen, Gleichberechtigung wird verstanden als die Möglichkeit, in der Rolle als Frau und Mutter aufzugehen und geschätzt zu werden. Der Gedanke, dass “eigene” Frauen mehr Kinder bekommen sollen, “fremde” Frauen hingegen weniger ist ganz klar völkischer zu verstehen. Wie auch die FPÖ sind sie daher gegen Maßnahmen, die Frauen aus dieser Rolle reißen und in andere Funktionen zwängen würden. Frauen erscheinen überwiegend als zu schützende Opfer, neben zu schützend vor gesellschaftlichen Entwicklungen, die die kulturell vorgesehene Rollenverteilung gefährden auch zu schützend vor den von der IB dargestellten Auswirkungen der Islamisierung, die eine Unterdrückung der Frauen mit sich bringen würde (vgl. Bruns 2014: 167-172). Implizit gehen IB und FPÖ davon aus, dass Frauen, hätten sie die freie Wahl, ein Leben als Mutter bevorzugen würden, da dies ihre natürliche Bestimmung sei (vgl. Ajanovic 2014: 255-256).

Identitäres Plakat beispielhaft für deren Frauenbild

In religiösen wie in politisch fundamentalistischen Strömungen besteht als Gemeinsamkeit eine Idealisierung patriarchaler Familienordnungen. Damit einhergehend werden Männern und Frauen sich gegenüberstehende feste Positionen in der Geschlechterordnung zugewiesen, die auch mit Verhaltensnormen einhergehen und entweder biologisch oder religiös, oder einer Mischung aus beidem begründet und gerechtfertigt werden. Frauen können in der Reproduktion dieser Werte durchaus auch eine aktive Rolle einnehmen (vgl. Wagner-Rau 2007: 12-13). So sind in der IB auch Frauen aktiv, in der FPÖ nehmen Frauen vereinzelt auch tragendere Positionen ein. Die Ex-FPÖ-Funktionärin Barbara Rosenkranz, ehemals Nationalratsabgeordnete für die FPÖ und neuerdings Kandidatin für die Freie Liste Österreich (FLÖ), verfasste 2008 ein Buch gegen die Gender-Ideologie, das von der FPÖ als Grundlage für die Stellungnahme zum Thema herangezogen wird. [4]

Barbara Rosenkranz, Abgeordnete im Nationalrat

Wie bereits kurz erläutert spielen in der Selbstpositionierung auf den Homepagen von FPÖ und IB Frauen und Geschlecht kaum oder nur eine untergeordnete Rolle. Von beiden gibt es aber auch deutlichere Positionierungen an unterschiedlicher Stelle. Um die Positionen von FPÖ und IB zum Thema Gender und Gleichstellung genauer zu beleuchten und auf die fundamentalistischen Argumentationslinien hin zu überprüfen, habe ich mir das Handbuch freiheitlicher Politik der FPÖ, den identitären Blog radikalfeminin.wordpress.com und zwei Video-Blog-Beiträge von Martin Sellner genauer angesehen.

FPÖ und Gender

Die FPÖ vertritt im Handbuch freiheitlicher Politik scheinbar einen biologistischen Differenzfeminismus (1), wenn es heißt „nur ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern in Österreich sichert eine gedeihliche Zukunft. Dies bedeutet sowohl gleiche Rechte als auch gleiche Pflichten, vor allem aber Chancengleichheit. Zweifelsohne gibt es in unserer Gesellschaft noch immer evidente Benachteiligungen von Frauen. Das politische Bestreben muss es sein, deren Situation zum Besseren zu verändern, nicht aber das geschlechtsspezifische Verhalten durch Beeinflussen, Gängeln und Zwang zu verändern, ja sogar zu unterdrücken.“ (FPÖ Bildungsinstitut 2013: 131) Männer und Frauen werden als von Natur aus unterschiedlich, aber gleichberechtigt verstanden. Diese Position ist sowohl national als auch neoliberal motiviert. Gesellschaftliche Probleme werden individualisiert, z.B. wird die Unterrepresentation von Frauen in Führungspositionen mit deren mangelnden Fähigkeiten begründet. Widersprüchlich sind die Individualisierung gesellschaftlicher Probleme und der Antiindividualismus im Frauenbild (bis hin zu Anfeindungen von individuellen Geschlechtsidentitäten). Als wäre das nicht schlimm genug, lassen sich die Positionen der FPÖ abgesehen von dieser theoretischen Schrift nicht einmal als differenzfeministisch beschreiben, sondern folgen einer zutiefst antifeministischen Idee.
Das Handbuch freiheitlicher Politik erschien in der vierten Auflage 2013 und soll als „Leitfaden für Führungsfunktionäre und Mandatsträger der Freiheitlichen Partei Österreichs“ dienen. Das Parteiprogramm auf der Homepage ist eine Zusammenfassung bzw. stellenweise Kopie des Handbuchs. Auch im Handbuch sind alle Themen, die Frauen und Geschlechterverhältnisse berühren unter das Kapitel „Familie und Generation“ untergeordnet. Schon daran lässt sich erkennen, dass dies kein Thema für sich für die FPÖ ist und Frauen hauptsächlich als Teil einer patriarchalen Familie gehandhabt werden. Frauenpolitik ist de fakto nicht vorhanden. Von 38 Mandaten im Nationalrat werden aktuell nur 6 von Frauen besetzt, das ist mit 15,79 % der geringste Anteil unter den vertretenen Parteien [5] Die als Norm konstruierte Struktur der patriarchalen Kleinfamilie sieht die FPÖ durch feministische Theorien gefährdet. „Diesen (feministischen Theorien) wird unterstellt, eine individuelle Wahl des Geschlechts und/oder den geschlechtslosen Menschen als zwingende gesellschaftspolitische Ordnungsvorstellung zu propagieren. Zur autoritären Durchsetzung dieser Ordnung (…) greife die ´Gender-Ideologie´ auf unterschiedliche Instrumente (…) zurück.“ (Ajanovic 2015: 120-121) Unter diese Instrumente fallen für die FPÖ etwa Gender Mainstreaming, geschlechtergerechte Sprache, geschlechtssensible Pädagogik und vieles mehr (vgl. Ajanovic 2015: 121). Für die FPÖ ist klar, „dass die biologische Determiniertheit von Mann und Frau anzuerkennen ist, grundsätzlich positiv ist und daher durch abstruse Theorien nicht geändert werden kann oder soll.“ (FPÖ Bildungsinstitut 2013: 135) Worin genau die Abstrusität der Theorien besteht und worauf die Überzeugung, Geschlecht sei determiniert basiert, wird im Handbuch nicht ausgeführt. Gender Mainstreaming wird als „hidden agenda“ beschrieben, die „die Auflösung der Familie verfolgt und das Zusammenleben von Mann und Frau missachtet, das auf gegenseitiger Achtung, Vertrauen und Liebe basiert.“ (FPÖ Bildungsinstitut 2013: 136) Die patriarchale Kleinfamilie erscheint hier explizit als die anzustrebende und zu schützende gesellschaftliche Norm. Wie weit die FPÖ bereit ist dafür zu gehen, verdeutlicht die Aussage zur Fristenregelung, die Gebärmutter sei “der Ort mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit in unserem Land” FPÖ-Bildungsinstitut 2013: 160). Das „ungeborene Leben“ ist für sie schützenswerter, als das Recht auf Selbstbestimmtheit über den eigenen Körper.

IB und Gender
Noch konkreter als die FPÖ bezieht sich die IB auf die „Naturgegebenheit“ von Geschlecht. Wie auch in ihrer Argumentationsweise zur Erhaltung unterschiedlicher kultureller Identitäten, wird betont, beide Geschlechter seien gleichwertig zu behandeln in dem was sie ausmache (vgl. Ajanovic 2014: 257-258).

Annika Stahn mit ihrem Pseudonym „Franziska“ auf radikalfeminin.wordpress.com

Diesen Standpunkt führt Martin Sellner in seinem Video-Blog zum Thema „Genderwahn“ auch weiter aus [6]: „Wir sagen ganz klar es gibt so etwas wie eine geschlechtliche Identität, die ist keine reine soziale Konstruktion.“ Hier wird der Antigenderismus, welcher die Ablehnung von einem Verständnis von Geschlecht als soziale Konstruktion bedeutet offensichtlich. Sellner spricht weiter von einer Grundessenz des Männlichen und Weiblichen, die es zu erhalten gelte. Worin diese besteht, wird nicht explizit erklärt. Eine gegenseitige Anziehung, aus der Liebe, Familie und neues Leben entstehen kann, ist nach ihm aber nur durch Polarisierung der Geschlechter möglich. Indem er ausführt, es sei „idiotisch und scheiße, gezielt und gezwungen Töchtertage bei der ÖBB zu machen und die Frauen in technische Berufe hineinzutreiben“, verdeutlicht er, dass dies nicht der gesellschaftliche Normzustand ist, wie er ihn sich vorstellt. Würden sich einzelne Mädchen für technische Berufe interessieren, müsse dies nicht extra unterstützt werden. Sellner macht in seinem Video-Beitrag klar, dass er dies als Ausnahme sieht. Darin steckt eine Essentialisierung und Naturalisierung und eine Polarisierung von sozialen und technischen Begabungen. Auch hier findet sich wieder die Annahme, Frauen würden sich für soziale Berufe und Familie entscheiden, wenn sie die freie Wahl hätten. Sehr deutlich wird Martin Sellner nochmal in seinen Schlussworten des Videos: „Wir sind immer eingebunden in die Welt, in eine Tradition und in die reale Gegebenheit. Und wir Identitären versöhnen das Schöpferische, Freiheitliche des Menschen mit den realen Gegebenheiten, nämlich eben unser Volk, unsere Kultur und das Geschlecht, diese Stufen der Identität, die wir erhalten wollen, während die Linken durch ihren Wahn der totalen Gleichheit, der totalen Vereinheitlichung einen Amoklauf gegen die Realität vollführen, alle Wurzeln und Traditionen kappen wollen und die totale, egoistische Freiheit des Einzelatoms, des geschlechtslosen, kulturlosen und wurzellosen Einzelatoms verfechten wollen. Und damit blamieren sie sich nicht nur, sind irrsinnig sinnlos, peinlich und lächerlich, sondern sie zerstören letztlich alles was irgendwie organisch gewachsen ist und was gesund besteht und lebt.“

Annika Stahn im Gespräch mit Martin Sellner

In seinem Video-Blog vom 10. September 2017 stellt Martin Sellner den Blog https://radikalfeminin.wordpress.com vor. Annika Stahn betreibt diesen Blog gemeinsam mit Marja und ist seit einem Jahr bei der IB Schwaben aktiv. Auf Facebook heißt sie Annika Fraziska, auf Twitter schreibt sie als @BeritFranziska. Ihr Ziel ist es, das klassische Rollenbild der Hausfrau und Mutter zu „rehabilitieren“. Mit dem Erscheinungsbild des Blogs möchte sie provozieren, für sie ist das Projekt eigentlich nichts radikales, sondern soll den konservativen Lebensstil wieder in ein „normales Licht rücken“. In der Rubrik „Nähkästchen“ am Blog finden sich etwa Handarbeits- und Kochtipps, die zwar nützlich sind und angewandt werden können, aber im Grunde nur Klischees seien und ärgern sollen, meint Annika Stahn im Gespräch mit Martin Sellner. Feminimsus mache ihrer Ansicht nach eine ganze Reihe von Problemen, viele junge Frauen verstehen nicht mehr, was für eine wichtige Rolle sie auf der Welt haben (damit ist wohl gebären gemeint) und glauben auf eigenen Beinen stehen, Karriere machen und vom Mann unabhängig sein zu müssen. Kinder bekommen komme in der Lebensplanung gar nicht mehr vor. Sie zieht eine Verindung zwischen der „Wegwerfgesellschaft“ und Abtreibung bzw. Scheidung. Zwar spricht sie sich deutlich gegen ein Abtreibungsverbot aus, da es veschiedenen Gründe gebe, warum es nicht sinnvoll sei aus Prinzip ein Kind zur Welt zu bringen (etwa gesundheitliche oder Vergewaltigung) und Abtreibung eine Einzelfallentscheidung sei, allerdings sieht sie ein Problem darin, dass viele Menschen aus schwierigen Situationen den einfachsten und schnellsten Ausweg suchen und nicht bereit sind, Zeit und Emotionen in kauf zu nehmen. Dies führe laut ihr zu übermäßig vielen Abtreibungen und Scheidungen. Sellner fügt hinzu, dass eine Gesellschaft, die keine eigenen Kinder mehr hervorbringe, bisher immer von archaischen „Völkern“ übernommen wurde, was den völkischen Hintergrund dieser Ansichten verdeutlicht.

Annika Stahn bei der Identitären Demonstration am Kahlenberg am 9.9.2017

Doch auch zu anderen Themen wie Mutterschaft äußert sich Annika Stahn. Sie sehe, dass Frauen in vielerlei Hinsicht wie Männer werden wollen, was nicht möglich sei. Frauen in der Politik sehe sie etwa kritisch, da Frauen viel emotionaler wären als Männer und das in der Politik keinen Platz habe, sondern Logik und Direktheit erforderlich seien. [7] Auch Ingrid Weiss von den Wiener Identitären vertitt ähnliche Ansichten. Sie ist mit Julian Utz verheiratet und gemeinsam haben sie eine Tochter. Gemeinsam vertreten sie ein konservatives Familienbild, die Mutterrolle ist für Ingrid als Frau etwas sehr natürliches und nichts aufgedrängtes, versichert sie in der arte-Dokumentation „Re: Mit den Waffen einer Frau. Die neuen Strategien der extremen Rechten“. Julian betrachtet die Familie als eine der wichtigsten Säulen der Gesellshaft, durch den Nachwuchs wird ein „Volk“ vor dem Aussterben bewahrt, Traditionen und Kultur bleiben erhalten. Wie auch Annika betont Ingrid, dass Heimatliebe nicht nur Männersache sei, sondern sich auch patriotische Frauen aktivistisch engagieren können. [8]

Inrgid Weiss bei Identitäre-Demo in Wien Favouriten 2015
auch am Bild: Marlis Merschitz, Alina Wychera und Alex Markovics

Die Identitären vertreten wie auch die FPÖ ganz klar ein binäres Geschlechterverständnis, in dem Frauen und Männern zwar gleichwertig, aber nicht gleichartig behandelt werden und ihnen eindeutige Rollen zugeschrieben werden. Ihr Weltbild ist zutiefst sexistisch, cissexistisch und heterosexistisch.

Fundamentalistische Aspekte in den Argumentationsweisen

Die Selbstpositionierungen der FPÖ und der IB zum Thema Geschlechtergerechtigkeit weisen einige gemeinsame Merkmale auf, die als fundamentalistisch beschrieben werden können. Beide zeichnen die Politik des Gender Mainstreamings als Bedrohung für die Gesellschaft. Es ist die Rede von Zwang zur Geschlechtslosigkeit, Zerstörung der Kleinfamilie und damit in Folge Zerstörung der gesamten Gesellschaft. In den Ausführungen gibt es das „Wir“ der IB und FPÖ, und ein „nicht die anderen“ der vernünftigen Menschen, die an der Natürlichkeit der binären und polarisierten Geschlechterordnung festhalten. „Die Anderen“, von denen die Bedrohung ausgeht, sind in dem Fall die „Gender-Theoretiker“, die „Genderisten“, einerseits eine politische, andererseits eine akademische Elite und „die Linken“. Beide politischen Gruppierungen gehen dabei von einer unbestreitbaren Natürlichkeit der Geschlechter und der Geschlechtsordnung aus, essenziellen Wesenskernen, die sich gegenüberstehen und (nur) in der patriarchalen Kleinfamilie zusammenfinden können, und dies zum Erhalt der Gesellschaft auch müssen. Alternativen dazu werden kaum angeführt, wo angeführt dann nur, um sie abzuwerten. Jede Alternative oder nur das Reden über eine Alternative fällt unter das Bedrohungsszenario und wird gleichzeitig von Martin Sellner durch Begriffe wie „irrsinnig sinnlos, peinlich und lächerlich“, durch die FPÖ durch die Bezeichnung als „abstruse Theorien“ degradiert (vgl. FPÖ Bildungsinstitut 2013: 135). Der Anti-Pluralismus bildet sich implizit auch darin ab, dass keine Notwendigkeit gesehen wird, Belege für die getroffenen Aussagen zu liefern und diese als gegeben und vernünftiges Wissen zu formulieren. Auf historische Entwicklungen geht die FPÖ nicht weiter ein. Martin Sellner führt in seinem Video-Blog-Beitrag zwar aus, Geschlechterrollen hätten sich im Wandel der Zeit verändert, stellt aber gleichzeitig die Behauptung auf, es hätte immer die essenziellen Wesenszüge, die Polarität der Geschlechter gegeben und Abweichungen davon wären immer Ausnahmen gewesen. Die Positionierungen der FPÖ aus dem Handbuch freiheitlicher Politik und die aus Martin Sellners Video-Blog zum Thema „Genderwahn“ weisen die grundlegenden Merkmale fundamentalistischer Denkweise auf. Dies ist nicht nur relevant, da die verbissene Kompromisslosigkeit des Anti-Pluralismus jeder Grundlage für eine Diskussion entbehrt, sondern auch in dem Sinn, dass kombiniert mit dem gezeichneten Bedrohungsszenarium mit konsequenten und radikalen Versuchen zu rechnen ist, alles, was unter das Bedrohungsszenario gestellt wird zu bekämpfen. Von Seiten der FPÖ ist damit aus politischer Position als starke Partei mit Potenzial auf relevante Führungsposituonen zu rechnen, die IB bildet dazu den aktionistischen Seitenarm, der durch direkte Aktionen und eine breite Präsenz in der Öffentlichkeit in den Diskurs und die gesellschaftliche Entwicklung eingreift.

(1) Differenzfeminimus bedeutet, dass eine grundsätzliche Verschiedenheit der Geschlechter angenommen wird. Dabei wird sich meist auf biolgische Unterschiede berufen. Wir halten es für problematisch, die FPÖ als in irgendeiner Form feministisch zu bezeichnen, im Handbuch gibt sie sich aber selbst den Anschein, indem sie Chancengleichheit fordert.

Quellen und weiterführende Informationenen
[1] Homepage der Freiheitlichen Partei Österreichs
https://www.fpoe.at/themen/parteiprogramm [23.03.2017]


[2] Schmid, Bernhard (2013): Die europäische „identitäre Bewegung“. In: Antifaschistisches Infoblatt 97 / 4.2012
https://www.antifainfoblatt.de/artikel/die-europäische-»identitäre-bewegung« [24.03.2017]
[3] Homepage der Identitären Bewegung Österreichischen
https://iboesterreich.at/unsere-forderungen [23.03.2017] 6/13FS Katholische Kirche – Gender – Fundamentalismus

[4] Regina Frey: Gender Mainstreaming als rotes Tuch im braunen Wahlkampf
Rezension zu: Barabara Rosenkranz: MenschInnen. Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen.
https://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/714/722

[5] https://www.parlament.gv.at/SERV/STAT/PERSSTAT/FRAUENANTEIL/frauenanteil_NR.shtml

[6] Martin Sellner: Vlog 22 – Gaballier und Genderwahn. Identitarian View.
You-Tube-Video veröffenticht am 10. 07. 2014
https://www.youtube.com/watch?v=BJ8xCSSBC3g

[7] Martin Sellner: Radikalfeminin – Frauen gegen Genderwahn.
You-Tube-Video veröffenticht am 10.09.2017
https://www.youtube.com/watch?v=T5eXlysYF7I

[8] Re: Mit den Waffen einer Frau. Die neuen Strategien der extremen Rechten
https://www.youtube.com/watch?v=_SqgyG1BkpQ
Literatur
Ajanovic, Edma / Mayer Stefanie (2015): „Freie Frauen“ gegen den „Gender-Wahn“. Paradoxe (neue) Allianzen in der (extremen) Rechten. In: Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. Geschlechterpolitik in Osteuropa. Heft 02/2015, 24. Jg. 119-123

Ajanovic, Edma / Mayer Stefanie / Sauer, Birgit (2014): Intersections and Inconsistencies. Framing Gender in Right-Wing Populist Discourses in Austria. In: NORA – Nordic Journal of Feminist and Gender Research. Online unter: http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/08038740.2014.964309 [13.12.2016]

Bruns, Julian / Glösel, Kathrin / Strobl, Natascha (2014): Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Münster.

FPÖ-Bildungsinstitut (2013): Handbuch freiheitlicher Politik. Ein Leitfaden für Führungsfunktionäre und Mandatsträger der Freiheitlichen Partei Österreichs. Wien. Online unter: https://www.fpoe.at/themen/handbuch-freiheitlicher-politik [30.03.2017]

Pelinka, Anton (2011): Fundamentalistische Bewegungen und demokratische Parteiensysteme. In: Sir Peter Ustinov Insitut (Hg.): Fundamentalismus. Aktuelle Phänomene in Religion, Gesellschaft und Politik. Wien. 127-136

Prokop, Ulrike (2007): Rechtsradikalismus als politischer Fundamentalismus. In: Jansen, Mechtild M. / Rohr, Elisabeth / Wagner-Rau, Ulrike (Hg.): Die halbierte Emanzipation? Fundamentalismus und Geschlecht. Königstein/Taunus. 173-201

Wagner-Rau, Ulrike (2007): Die Suche nach einem Fundament. Eine Einführung in fundamentalistische Frömmigkeit. In: Jansen, Mechtild M. / Rohr, Elisabeth / Wagner-Rau, Ulrike (Hg.): Die halbierte Emanzipation? Fundamentalismus und Geschlecht. Königstein/Taunus. 173-201