Bericht von den “Märschen fürs Leben” 2017 in Österreich

In den letzten Wochen haben in ganz Österreich zahlreiche sogenannte “Märsche fürs Leben” stattgefunden. Organisiert wurden diese von den ultra-religiösen Abtreibungsgegner_innen “Jugend für das Leben” (weitere Infos dazu findest du hier). Ihr Ziel ist es, “Abtreibungen und jegliche anderen Angriffe auf unschuldiges, wehrloses Menschenleben undenkbar zu machen” [1]. Eine weitere Forderung ist eine verpflichtende, “mehrtägige Bedenkzeit vor einem Schwangerschaftsabbruch“, welche den moralischen Druck gegenüber der betroffenen Person massiv verstärken würde. Damit schließen sie sich nach eigener Aussage Forderungen von FPÖ- und ÖVP-Politiker_innen an [2]. Die selbsternannten “Lebensschützer“ behaupten, Leben retten zu wollen. Doch wer das Leben ungewollt schwangerer Menschen schützen will, muss Abtreibungen legalisieren! Repressive Abtreibungsregelungen zwingen Menschen in vielen Ländern (wie z.B. Polen oder Irland) zu illegalen Schwangerschaftsabbrüchen. Diese sind meist teuer und stellen ein hohes gesundheitliches Risiko dar. Ihr Ziel liegt allein darin, nationalistische und patriarchale Machtstrukturen zu sichern. Außerdem instrumentalisieren sie Menschen mit Behinderung für ihre Zwecke, indem sie sich gegen Abtreibung von Kindern mit Behinderung aussprechen [3]. Einen Artikel zum Verhältnis von Ableismus, Pränataldiagnostik und der Parole “Selbstbestimmung” in feministischen Bewegungen von Kirsten Achtelik findet ihr hier. Diese reaktionären Märsche sind ein Angriff auf das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper und über die Gebärfähigkeit von Frauen und anderen Menschen, die schwanger werden können. Wie bereits angekündigt, werden wir hier von diesen Märschen und den Gegenprotesten berichten.

Graz
Am 20. Oktober 2017 fand der sogenannte „Marsch fürs Leben“ in Graz statt. Um 15:30 Uhr versammelten sich in etwa 40 bis 50 Abtreibungsgegner_innen am dortigen Freiheitsplatz. Während sie durch die Grazer Innenstadt zogen, verteilten sie Flyer und Luftballons an Passant_innen, wobei mit dem Flyer stets ein kleiner Plastikembryo (die wohl als dramatische Symbolisierung des „Kindesmordes“ durch Abtreibung dienen sollen) mitgegeben wurde.

In der Herrengasse, kurz vor dem Grazer Hauptplatz, wurde schließlich Halt gemacht vor einer Praxis, die Abtreibungen durchführt, um einen Redebeitrag zu halten. Der nächste Stopp war der Südtirolerplatz, wo weitere Reden gehalten und Musik gespielt wurde – unter anderem übrigens die Band „Queen“…

An den Gegenprotesten beteiligten sich in etwa 20 Aktivist_innen, die unter anderem Flyer austeilten, die aber vor allem in jenen Situationen verteilt wurden, wo Passant_innen bereits zuvor einen „Marsch fürs Leben“-Flyer erhielten – diese Gegenaktion fokussierte vor allem die Aufklärung über die vermeintlichen „Lebensschützer“.

Innsbruck
Am 21.10.2017 marschierten die Fundis nach einer Andacht in der Basilika Wilten durch Innsbruck. Anschließend kehrten sie zur Jause ins freikirchliche Jugendzentrum Lighthouse am Bahnhof ein. [4]

Salzburg
50 bis 70 christlich-fundamentalistische Abtreibungsgenger_innen haben sich am 27.10.2017 in Salzburg versammelt. Salzburgs neuer Weihbischof Hansjörg Hofer und Altweihbischof Andreas Laun hielten zu Beginn des Marsches eine Messe in der Franziskanerkirche. Einer der Sprecher bei diesem Marsch war Manuel Kuhn, der in Salzburg Katholische Fachtheologie studiert und auch am TheologInnen-Zentrum Salzburg tätig ist [5]. Wie in vergangenen Jahren, versammelten sich ca. 40 Pro-Choice Aktivist_innen vor dem Salzburger Landeskrankenhaus, um für reproduktive Freiheit zu demonstrieren. Sie fordern freien und kostenlosen Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen und Verhütungsmitteln und ein Ende der patriarchalen Unterdrückung. Redebeiträge gingen auf die Organisator_innen um und hinter “Jugend für das Leben” und auf reproduktive Rechte ein. Die Parolen der Fundis wurden lautstark übertönt und umfunktioniert. “Wir sind…”-Sprechchöre verlangten förmlich eine Vervollständigung mittels des schönen Wörtchens “SCHEISSE!”. Bereits nach 15 Minuten zogen die Fundamentalist_innen, untermalt von lautstarken Pro-Choice Parolen, von dannen. Hier findet ihr einen ausführlicheren Bericht zur Pro-Choice-Kundgebung am 27.10. in Salzburg.

Linz
Am 28.10.2017 fand der von der katholischen Kirche, von Freikirchen, Landeskirchen und der Lutherkirche unterstützte Marsch in Linz statt. Zuvor wurde vom Linzer Bischof Scheuer eine Messe in der Karmelitenkirche und von Thomas Carlsson ein Freikirchlicher Gottesdienst in der Palmenhalle gehalten. [6]

Klagenfurt/Celovec
In Klagenfurt/Celovec fand am 11.11.2017 der erste “Marsch fürs Leben” statt. Etwa 150 christliche Fundamentalist_innen, Rechtsextreme und Rechtskonservative haben sich vor der Bürgerspitalskirche versammelt und ihr sexistisches und völkisch-nationales Weltbild auf die Straße getragen. Hauptrednerin war Manuela Steiner. Die Kärntnerin bezeichnet sich als “Überlebende einer Abtreibung” und ist Leiterin der Landesgruppe Klagenfurt von “Jugend für das Leben”. Außerdem anwesend war Rechtsextremist Martin Rutter, welcher beim diesjährigen Ulrichsbergtreffen unter Applaus von Kriegsverbrechern und extra aus Deutschland angereisten Neonazis eine rassistische und geschichtsrevisionistische Rede hielt.

Martin Rutter am “Marsch fürs Leben” 2017 in Klagenfurt/Celovec (Foto von @autonomeAntifaKoroska)

Mit Luftballons und Schildern sollte ein buntes Bild vermittelt und Kinder für ihre sexistische und patriarchale Propaganda instrumentalisiert werden. Mit tragischen Geschichten junger Mütter, die sich entgegen dem Druck durch Ärzt_innen gegen eine Abtreibung entschieden haben sollen, drückten sie zusätzlich auf die Tränendrüse. Pro-Choice-Aktivist_innen ließen dies nicht unkommentiert und gingen gegen christlichen Fundamentalismus und reaktionäre Ideen und für eine befreite, emanzipierte Gesellschaft auf die Straße. [7]

(Foto von @autonomeAntifaKoroska)

Dornbirn
Wie bereits im Vorjahr, fand auch heuer ein Marsch in Vorarlberg statt. Am 18.11.2017 sollen laut Angaben auf www.marsch-fuers-leben.at nach einer Andacht in der Kapuzinerkirche 200 Fundis durch Dornbirn marschiert sein. In Vorarlberg gibt es derzeit keine Möglichkeit, eine Abtreibung durchführen zu lassen. Leiterin des Marsches war Veronica Ehrenberger. [8]

Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafgesetzbuch! Nieder mit dem Patriarchat! Pro Choice is ois!

Einen Bericht aus Wien findet ihr hier.

Quellen und weiterführende Informationen:
[1] https://jugendfuerdasleben.at/ueber-uns/entstehung-vision/

[2] http://www.marsch-fuers-leben.at/blog-post/hunderte-teilnehmer-beim-marsch-fuers-leben-in-graz-und-innsbruck-jugendliche-fordern-besseren-gesetzlichen-schutz-von-frauen-im-schwangerschaftskonflikt-und-deren-kinder/

[3] http://www.marsch-fuers-leben.at/blog-post/maersche-fuers-leben-in-ganz-oesterreich-abtreibungen-sollen-sich-in-oesterreich-eruebrigen/

[4] http://www.marsch-fuers-leben.at/sei-dabei/innsbruck/

[5] http://www.marsch-fuers-leben.at/blog-post/jugendliche-in-salzburg-fordern-abschaffung-von-abtreibungen-bis-zur-geburt-von-kindern-mit-behinderung/

[6] http://www.marsch-fuers-leben.at/sei-dabei/linz/

[7] https://www.facebook.com/autonomeAntifaKoroska/posts/2072514896108568

[8] http://www.marsch-fuers-leben.at/blog-post/oesterreichweite-demos-gegen-abtreibung-200-teilnehmer-beim-marsch-in-dornbirn/