Rechtsextreme Erziehung – “Das Private ist politisch”

Dieser Slogan der 2. Frauenbewegung trifft nicht nur auf den Alltag von Feministinnen zu, sondern ebenso auf alle anderen. Wenn es um Rechtsextremismus geht, liegt der Fokus von Recherchen allerdings meist auf dem sogenannten öffentlichen bzw. politischen Bereich – auf Parteien, Vereinen, organisierten Gruppen, Demonstrationen und Publikationen. Dass Rechtsextremismus keine reine Männersache ist, sondern auch Frauen mitmischen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Sie fungieren als “Aushängeschilder” auf Demos und Plakaten, dienen als vermeintlich harmlose Ansprechpartnerinnen bei Infoständen und übernehmen administrative Tätigkeiten. Aufgrund des biologistischen Geschlechterverständnisses im Rechtsextremismus umfasst der Aufgabenbereich von rechtsextremen Frauen dennoch weiterhin v.a. “weiche” Politikformen. Dazu gehören der soziale Bereich, der Haushalt, die Erziehung und Pflege. “´Unter Umständen ist mit der richtigen Erziehung von drei bis fünf Kindern politisch mehr erreicht´, als wenn Frauen in einer Organisation ´tätig´ würden, heißt es in der theoretischen Grundsatzzeitschrift der ältesten extrem rechten Frauenorganisation “Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF)” (Röpke 2010, 16). Rechtsextreme Erziehung ist von absolutem Gehorsam, Disziplin, Fleiß und Verzicht geprägt. Drill, Zwang und Strafen gehören für diese Kinder zum Alltag, wie die freie Jourmalistin Andrea Röpke (2010) berichtet. Das Erziehungsziel kann als autoritär bezeichnet werden und ist insbesondere in Verbindung mit der menschenverachtenden NS-Ideologie gefährlich. “Gewalt, Vorurteile, Ungerechtigkeit, Mobbing oder Frauenfeindlichkeit im Innercircle der Szene werden gerne ignoriert.” (Röpke 2010, 28). Die Kinder werden an ein Elitedenken und an Verschwiegenheit gewöhnt, es werden Feindbilder konstruiert und bestimmte Menschengruppen als minderwertig angesehen (vgl. Röpke 2010, 37). Dazu gehören nicht nur Migrant_innen, Linke, Journalist_innen und Menschen, die sich zum Judentum oder dem Islam bekennen, sondern auch Menschen mit Behinderung(en) und Menschen, die dem heteronormativen Weltbild nicht entsprechen. Neben der Familie, deren Aufgabe es ist, gesellschaftliche Werte, Normen und Rollen zu vermitteln, nimmt die organisierte Kinder- und Jugendarbeit einen wichtigen Stellenwert bei der Erziehung ein. Um den “schädlichen Einfluss” aus dem Umfeld der Kinder fern zu halten, organisieren sich rechtsextreme Eltern in Sache Kindererziehung: sie bauen Siedlungsnetzwerke auf (vgl. Röpke 2010) und organisieren Zeltlager. Bekannte Fälle aus Deutschland sind die seit 1994 verbotene “Wiking Jugend” (welche die nationalsozialistischen Erziehungsideale der “Hitlerjugend” fortsetzte), die 2009 verbotene “Heimattreue Deutsche Jugend” und der “Sturmvogel”. Paramilitärische Überlebenstrainings, Abhärtung und Unterordnung unter die sogenannte “Volksgemeinschaft” stehen im Zentrum dieser Lager. Aus Deutschland ist bekannt, das zahlreiche Kader von NPD und Identitären durch die Schule der „Wiking Jugend“ gegangen sind (vgl. Röpke 2010, 76f.).

Auch in Österreich gab und gibt es von Rechtsextremen organisierte Sommerlager, zu denen es bisher kaum Recherchen gibt:
Einerseits organisiert der völkisch-antisemitische “Österreichische Turnerbund” (ÖTB) jeden Sommer ein “Familienlager” (22.7.-31.7.2018), “Bundesknabenlager” (30.7.-10.8.2018), ein “Bundeskinderlager” (1.8.-10.8.2018) und ein “Bundesjugendlager” (1.8.-10.8.2018) im vom ihm betriebenen Karl-Hönck-Heim – benannt nach dem SS-Oberscharführer Karl Hönck – am Sablatnigsee/Zablaško jezero in St. Kanzian/Škocjan v Podjuni [2].

Weiters organisiert die Stiftung “Soziales Friedenswerk” (Fuhrmannsgasse 18a, 1080 Wien), dessen Obfrau Verena Rosenkranz (“Wiener akademische Mädelschaft Nike”) ist – jährlich ein Jugendsommerlager (5.-12.8.2018) im Gästehaus Mörtelmühle in Bad Goisern am Hallstättersee. Im vergangenen Jahr sollen daran “45 Kinder aus Nachbarländern mit deutschen Volksgruppen” [1] teilgenommen haben. Die “Stiftung [machte] sich ab ihrer Gründung 1950 nicht zuletzt einen in Sachen Fluchthilfe und anderweitiger Untersützung für NS-Verbrecher einen Namen.” [2]

Ein drittes bekanntes Kinder- und Jugendlager findet (voraussichtlich auch dieses Jahr) in den ersten beiden Ferienwochen am Putterersee in der Steiermark statt und wird vom “Österreichischen Verband für Jugendwohlfahrt”, dessen Organisator_innen eng mit der FPÖ verknüpft sind, veranstaltet. Jedenfalls in früheren Jahren wurde das Sommerlager gemeinsam mit dem „ÖTB Turnverein Sechshaus 1866“ gemeinsam organisiert, dessen Obmann Dietmar Kowarik Bezirksrat der FPÖ in 1150 Wien und Mitglied der „Wiener akademischen Burschenschaft Aldania“ ist. Berichtet wurde über das Kinder- und Jugendlager am Putterersee im April 2015 u.a. auf unzensuriert.at [4]. Unter den Teilnehmer_innen waren in den vergangenen Jahren auch spätere Aktivist_innen der Identitären.

Was wohl in diesen Liederbüchern steht…?

 

Albrecht Spiess (“Akademische Burschenschaft Oberösterreicher Germanen”, 2011 Mitglied der FPÖ Linz)
und Sonnhild Rosenkranz waren die Lagerleitung des Sommerlagers am Putterersee 2017

 

v.l.n.r. Felix Müller (“Akademische Burschenschaft Arminia Czernowitz”, “Info-Direkt”), ?,
Sonnhild Rosenkranz und Albrecht Spiess am Burschenbundball 2017 in Linz

 

Bild von der Facbeookseite “Sommerlager am Putterersee”
v.l.n.r Arne Rosenkranz, ?, ?, ?
Ute Rosenkranz, Sonnhild Rosenkranz, Gerhild Schwab, Verena Rosenkranz, ?

 

Große Beliebtheit finden diese Sommerlager auf Facebook v.a. im burschenschaftlichen Milieu und im Umfeld der FPÖ, wie sich an den Aktivitäten auf eingschlägigen Facebookseiten erkennen lässt. Interessieren tun sich dafür bekannte Rechtsextreme wie Barbara Rosenkranz, Hermine Püschel (FPÖ, “Wiener Akademische Mädelschaft Freya”) [4], Alexandra Leutgeb-Schlüsselberger (“Wiener Akademische Mädelschaft Freya”), Gurdrun Rössner (“Akademische Mädelschaft Iduna zu Linz”), Elisabeth Keyl (Kassierin der “Pennalen Mädelschaft Sigrid”), Manfred Platschka und Michael Scharfmüller (ehemals “Bund freier Jugend” (BfJ), “Info-Direkt”).

Es sollen Werte wie Respekt, Stolz, Ehrlichkeit, Strebsamkeit und Fleiß bei Sport, Spiel, Baden, Tanzen und Orientierungswandern vermittelt werden, die Vermittlung von einem Verständnis für die “Volksgemeinschaft” steht im Mittelpunkt. Die von diesen Lagern in die Öffentlichkeit gelangenden Bilder scheinen zum Teil harmlos, sie stärken die Gemeinschaft und wirken identitätsstiftend. Führen wir uns jedoch den politischen Hintergrund der Organisator_innen vor Augen und dass “rechtsextreme Eltern häufig ein großes Interesse daran haben, ihre Kinder fernab von demokratischen Einflüssen gemäß der Ideologie der ´Volksgemeinschaft´ zu erziehen oder erziehen lassen” (Lehnert, Radvan 2016, 137) um “schädliche Einflüsse” fern zu halten, könnte es von Bedeutung sein, diese Sommerlager und ihre Organisator_innen genauer in den Blick zu nehmen.

Quellen und weiterführende Informationen