Corona und Antifeminismus Teil 1

Wie bereits in der Einleitung zu dieser fida-Reihe erwähnt, setzte die Corona-Pandemie aus einer Gender-Perspektive einige unliebsame Entwicklungen in Gange. Nicht nur kam es durch die Ausgangsbeschränkungen zu einem massiven Rückzug in die bügerliche Kleinfamilie und das Abschieben von gesellschaftlichen Versorgungstätigkeiten auf Frauen* bzw. FLINT-Personen. Auch konnte gut beobachtet werden, dass in der Corona-Leugner*innen-Szene Platz für bekannte Rechtsextreme, aber auch für sich als bürgerlich-ausgebende Rechtskonservative und christlich-fundamentalistische Personen ist.

Zu einem der beliebtesten Sprachrohre der österreichischen Corona-Schwubler*innen hat sich ein bereits aus der christlich-fundamentalistischen Ecke bekannter Wiener Psychiater und Psychotherapeut entwickelt: Die Rede ist (Überraschung!) von Raphael M. Bonelli. Der Mitgründer und Leiter des Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP) und Lehrende an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität dreht bereits seit einem Jahr immer wieder verschwörungstheoretische Videos rund ums Thema Corona. Vor der Pandemie war Bonelli bereits lange dafür bekannt, dass ihm Feminismus ein Dorn im Auge ist. Obwohl die traditionellen, heteronormativen Geschlechterbildern in der österreichischen Gesellschaft nach wie vor omnipräsent sind, bewirbt und zelebriert er diese förmlich seit Jahren auf seinem YouTube-Kanal, geschmückt mit grauslich-sexistischen Titeln wie zum Beispiel „Warum Frauen mit Männern spielen”. Wie viele Rechtskonservative „sorgte“ sich Bonelli in der Vergangenheit auch immer um die Kinder und trat unter solch einem Vorwand 2016 bei einer Veranstaltung der deutschen “Demo für alle” als Beitragsredner auf. Auf den vom rechtsextremen Rand gut besuchten “Demos für alle” wird vor allem gegen LGBTIQ-Personen, Sexualpädagogik an Schulen und den „Gender-Wahn“, wie feministische Kämpfe bezeichnet werden, gehetzt. Dass der Auftritt nicht ein einmaliger „Ausrutscher“, sondern die ganze Veranstaltung ein gutes Abbild seines Gesinnungsbildes ist, dafür reicht ein ganz kurzer Blick auf den YouTube-Kanal des RPP vor der Corona-Zeit.

Blick zurück in die Gegenwart: Anfang April 2021 postete er auf Youtube ein Video unter dem Titel „Die Diskriminierung von Ungeimpften beginnt!”. In diesem erzählt er von einer in Deutschland lebenden, befreundeten Ärztin, die angeblich von ihrem Arbeitgeber gedrängt wird, sich impfen zu lassen. Unabhängig davon, wie mensch zu einem Impfzwang steht und der Kontrollausübung, die Arbeitgeber*innen derzeit gegenüber Arbeitnehmer*innen ausüben können, spricht Bonelli in diesem Fall von einer „Vergewaltigung” durch die Impfung und verharmlost damit tatsächliche sexualisierte Gewalt auf widerlichste Art und Weise. Ebenso zieht der renommierte Wiener Psychiater an mehreren Stellen Vergleiche zwischen Impfskeptiker*innen und Coronaverharmloser*innen und Antisemitismus und Holocaust, was den Holocaust zutiefst relativiert. Die Verbrechen des NS-Regmines stehen in absolut keinem Vergleich dazu, dass einer ungeimpften oder getesteten Person der Besuch eines Beisls oder Kinos verwehrt wird. Allein schon der Titel des Videos ist problematisch, da dieser suggeriert, dass ungeimpften Personen in Österreich, wo nach wie vor keine Impfpflicht besteht, Diskriminierung erleben, was vollkommen absurd ist. Diskriminierung zeichnet sich stets durch ein historisch gesehen, langanhaltendes Machtgefälle zwischen Unterdrückern und Unterdrückten aus. Dieses Machtungleichgewicht manifestiert sich im systematisch ungleichen Zugang zu Geld, materiellen sowie immateriellen Gütern wie beispielsweise Deutungshoheit und Normsetzung. Impfgegner*innen verfügen absolut nicht über eine lange Geschichte von Unterdrückung und an Beispielen wie der Gebärmutterhalskrebsimpfung zeigt sich auch, dass von Impfgegner*innen verbreitete (Falsch-)informationen mehrheitsgesellschaftlich normierend wirken können: Obwohl die HPV-Impfung gegen gleich mehrere Krebsarten schützt, u.a. Gebärmutterhalskrebs und  HPV-Viren 25% der durch Viren verursachten Krebserkrankungen verursachen , ist der Grund für die niedrige Durchimpfungsrate der österreichischen Bevölkerung, neben den hohen Kosten der Impfung für Erwachsene, auch ein Erfolg von Impfgegner*innen.[1] In einem anderen Video schwafelt Bonelli mit pseudopsychologischer Ausschmückung davon, dass Maskenträger*innen neurotische Personen seien, die sich als was besseres vorkämen. Auch wird das Maske tragen, wo es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, abwertend als „vorauseilender Gehorsam” bezeichnet, obwohl diverse Studien beweisen, dass das Maske tragen sehr wohl das Corona-Infektionsgeschehen positiv beeinflusst.

You-Tube Kanal des Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP) mit Raphael Bonelli

Eine Person, die normalerweise im positiven Sinne mit reproduktiver Selbstbestimmung in Zusammenhang gebracht wird, an dieser Stelle aber trotzdem genannt werden muss, ist der Gynäkologe und Allgemeinmediziner DDr. Christian Fiala. Fiala betreibt ein privates Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung am Mariahilfer Gürtel 37 und ist Gründer des Museums für Schwangerschaftsabbruch und Verhütung. Im Zuge mehrere Initiativen setzte sich Fiala immer wieder für den legalen Zugang zu Abtreibungen und kostenlose Verhütungsmittel ein. Seit der Corona-Pandemie scheint Fiala aber kein allzu großes Problem damit zu haben, Seite an Seite mit erzkonservativen oder bekannten rechtsextremen Personen gegen wissenschaftlich bewiesene effektive Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. So trat er als Mitorganisator bei der ersten, von der Initiative für evidenzbasierte Corona-Informationen (ICI) organisierten, größeren Anti-Corona-Demo Ende April 2020 als Redner auf und verharmloste dort die Gefährlichkeit des Virus. Einige rechtsextreme Personen, wie das Aushängeschild der Identitären Bewegung, Martin Sellner, war auf der Demo anwesend.[2] Die ICI betreibt unter anderem eine Webseite, auf der Corona-Maßnahmen wie das Tragen von Masken und Lockdowns kritisiert werden und Impfskepsis verbreitet wird. So findet sich dort eine im April 2021 durch den Regionalsenders RTV ausgestrahlte Diskussionsrunde mit Fiala, in der er die vorübergehende Schließung der Universitäten absurderweise als sinnlos dargestellt, da ältere Menschen sich dort nicht hinbegeben würden. Ebenso bezeichnet er in dieser Corona als „harmlosen grippalen Infekt”. Tödliche Viruserkrankungen zu verharmlosen scheint aber ein Steckenpferd von Fiala zu sein: In den 1990er Jahren brachte er zusammen mit dem profil-Herausgeber Peter Michael Lingens ein Buch heraus, in dem behauptet wird, dass HIV/AIDS nur zu wenigen Todesfällen führe.[3]

Neben einer Webseite und der regelmäßigen Organisation von Demonstrationen wie zuletzt Mitte März 2021 initiierte der Verein ICI auch ein Corona-Volksbegehren. Dieses beinhaltet neben Forderungen wie des Nichtvollzugs von Verwaltungsstrafen, welche beispielsweise in Fällen von Zusammenkünften mit haushaltsfremden Personen während der harten Lockdowns sinnvoll erscheinen, absurderweise aber auch die Aufhebung aller Corona-Maßnahmen. Das viele Maßnahmen wie Abstand halten, Maskenpflicht, Testpflicht am Arbeitsplatz oder Schließung des Handels und der Gastronomie leider notwendig waren, zeigen die hunderttausenden Toten in vielen Ländern, in denen es keine drastischen Maßnahmen zur Ausbreitung des Virus gab. Die Spitze der Absurdität erreichte Fiala aber mit seiner Teilnahme an der dreitägigen „Mother Earth Nachhaltigkeitskonferenz“ Ende September 2020 in Saalbach-Hinterglemm in Salzbug, wo er an einem Experten Talk teilnahm. Moderiert wurde die Diskussionsrunde nämlich nicht nur von irgendeinem Rechtskonservativen, sondern von Christian Zeitz vom FPÖ-nahen Wiener Akademikerbund, der seit Jahren als Redner auf dem “Marsch für die Familie” auftritt. Organisiert wird der “Marsch für die Familie”, bei dem gegen LGBTIQ-Personen und Lebensweisen und gegen die legale Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen demonstriert wird unter anderem von den Pro-Life Organisationen PRO VITA und Human Life International Österreich (HLI). HLI Österreich organisiert bis heute regelmäßig Gebetsvigilen vor Abtreibungskliniken, bei denen Abtreibungsgegner*innen schwangere Personen terrorisieren und ihnen so ihre reproduktive Selbstbestimmung versuchen zu nehmen. Im April 2021 wurde eine solche Vigile wieder vor Christian Fialas Gynäkologiepraxis Gynmed am Mariahilfer Gürtel abgehalten.

Gebetsvigile von HLI Österreich, April 2021

Neben Fiala beteiligten sich an der Podiumsdiskussion der “Nachthaltigkeitskonferenz” auch niemand weniger als Dr. Sucharit Bhakdi und Dr. Karina Reiss, die Autor*innen des Standardwerks der Corona-Schwurbler*innen „Corona Fehlalarm?“, in dem nahezu alle Verschwörungstheorien rund um Corona aufgelistet sind. So steht darin etwa geschrieben, dass die Maskenpflicht sinnlos sei, da die „Poren“ einer Stoffmaske größer seien als der Corona-Virus, obwohl die Verringerung der Ansteckungswahrscheinlichkeit durch das Tragen von Masken in zig Studien belegt ist. Ebenso wird in dem Buch die Gefährlichkeit des Corona-Virus mit der Argumentation heruntergespielt, dass viel mehr Todesfälle auf das Konto von Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen gehen. Dass dabei Äpfel mit Birnen verglichen werden ist augenscheinlich, nachdem diese Krankheiten zum Großteil nicht von Mensch-zu-Mensch übertragbar sind. Auch mit dabei von der Partie ist der selbsternannte Guru und Arzt Peer Eifler, gegen den ein Berufsverbot verhängt wurde, nachdem er wahllos Atteste für Maskenverweigerer ausstellte.[4]

DDr. Christian Fiala (li.) mit Dr. Karina Reiss (3. Person von link) und Dr. Sucharit Bhakdi (5. Person von link) mit Moderator Christian Zeitz (Mitte) auf der “Mother Earth Nachhatigkeitskonferenz”

Nachdem sich viele bürgerlich-gebende Verschwörungstheoretiker*innen und Öko-Faschos ohne Scheu mit bekannten rechtsextremen Hooligans verbandeln, müssen auch die Links(radikale) und (Queer)feminist*innen entschlossen näher zusammenrücken (und gleichzeitig physisch auf Abstand bleiben). 

PRO CHOICE IS OIS! KEIN FUßBREIT DEM FASCHISMUS!